Das Zweite Buch

Roman
Personen:
Mike Dayton: ein amerikanischer Pilot, der dabei ist, aus seiner Verzweiflung einen Beruf zu machen.
Marie Dormanque: eine Archäologin, die entdeckt, was sie nicht finden wollte.
Dr. Karon: ein Kunstsammler, der aus seiner Verachtung für Archäologen keinen Hehl macht.
Sulamit: eine junge Israelitin, die übersetzt, was sie niemals lesen sollte.
Sargon: ein Löwenjäger, der sich in die falsche Katze verliebt.
Hesekiel: der Prophet der legendären Thronwagenvision, der sah, was er nicht sehen wollte.

"Nicht nur dieser Prophet sagte diese Ereignisse voraus, sondern auch der Prophet Hesekiel, der zwei Bücher hinterließ…"
Flavius Josephus (jüdischer Autor des 1. Jhs. n. Chr.) in seinen Jüdischen
Altertümern X, 80


"Die Antike ist weit dramatischer, romantischer und auch fantastischer, als sie gemeinhin dargestellt wird. Der Turm von Babel in der Modellrekonstruktion von Bernd B. Kammermeier (basierend auf den Studien von H. Schmid)"


20. Februar 2003, am Ufer des Kebar im Irak. Marie Dormanque entdeckt das Zweite Buch Hesekiels, das seit Jahrtausenden verschollen war, und die Welt wartet auf den amerikanischen Einmarsch in das Reich Saddam Husseins…


Wie kurz der Weg von einer Bibelstelle zur Welt des Fantastischen sein kann, zeigt exemplarisch J. F. Blumrichs legendäre technische Deutung der Thronwagenvision Hesekiels (hier in einer Zeichnung von Bernd P. Kammermeier).

Der Roman und wie alles begann:

Ich erinnere mich noch gut an jenen Abend, als ich meinen langjährigen Freund Bernd P. Kammermeier in seinem Filmstudio traf, um für eine Fernsehsendung die Modellrekonstruktion eines antiken Gebäudes vorzubereiten, doch unsere Diskussion kreiste um antike Bibelstellen und deren mögliche Rekonstruktion. Die immer hitzigere Debatte kon- zentrierte sich alsbald auf Hesekiels legendäre Vision vom Thronwagen, in dem moderne Spekulationen ein technisch funktionsfähiges Flugobjekt erkennen wollten, eine Interpretation, die der Altertumswissenschaftler schlicht als Science Fiction geißelte.

Im Laufe des Abends entstand aus dünnem Draht und Seidenpapier ein skizzenhaftes Modell des Thronwagens, in dem ich in Analogie zu der berühmten Bibelpassage eine kleine Flamme entzündete. Mit dem Alten Testament in der Hand schlenderten wir auf und ab und kamen damals einem ernsthaften Zerwürfnis durchaus nahe. Der eine redete von Archäologie und der andere von der NASA und von Spekulationen über biblische Flugobjekte, als uns ein Geräusch mitten im heftigsten Disput aufschreckte. Der Tisch mit unserm Drahtmodell war leer und die bescheidene Konstruktion zu Boden gestürzt. Die Flamme im Zentrum des Wägelchens hatte die Luft unter seinem gewölbten Dach so stark erhitzt, dass unser Modell wie ein Heißluftballon abgehoben hatte, eine Möglichkeit, die ich nicht einmal in meinen verwegensten Träumen erwogen hätte. Aus dieser nächtlichen Verbindung zwischen Kino, Archäologie und dem babylonischen Exil der Juden entstand beinahe zwangsläufig jene Figurenkonstellation, die dem Zweiten Buch zu Grunde liegt - ein Drehbuchautor und eine Archäologin auf der Spur eines biblischen Rätsels.

Die Gedankenspiele jener Nacht gipfelten schließlich in einem von Bernd P. Kammermeier und mir verfassten Originaldrehbuch, das dem Zweiten Buch zugrunde liegt, ein Roman, der zwar nur einen Verfasser besitzt, jedoch zwei geistige Väter.

Als ich damals in der Bibel blätterte, erinnerte ich mich an jene Notiz des Flavius Josephus, dass Hesekiel eigentlich zwei Bücher hinterlassen habe, von denen uns jedoch nur eines erhalten blieb.
Und damit war auch der Titel geboren - Das Zweite Buch ...


Die historische Perspektive


Das neubabylonische Reich Nebukadnezars II. (604 - 562 v. Chr.). Die Großmacht Babylon
steht mit dem babylonischen Exil der Juden für ein wesentliches Kapitel
im epischen Kampf des Orients mit dem Volk Israel.
Zeichnung: Bernd P. Kammermeier, nach einer Vorlage von Michael Pfrommer
Den Clash of Civilizations verbinden wir heute ganz selbstverständlich mit einer Auseinandersetzung zwischen der islamischen Welt und dem Westen. Wir denken an den 11. September, an den Irak oder Afghanistan und vergessen dabei nur allzu leicht, dass diese Konflikte nichts sind als Etappen eines Weltkrieges, der nun seit über 2600 Jahren tobt. Diese Auseinandersetzung hat den Zusammenbruch von Großmächten ebenso überdauert wie den Niedergang und den Aufstieg ganzer Weltreligionen. Ewig scheint allein der Antagonismus zwischen Ost und West.

Als die Großmacht Babylon im heutigen Irak und der König Nebukadnezar vor 2600 Jahren über die Israeliten herfiel, Jerusalem verbrannte und die jüdische Oberschicht 597 v. Chr. und 586 v. Chr. ins ‚Babylonischen Exil' verschleppte, da schrieb der Aggressor im Grunde ein frühes Kapitel dieses Weltkrieges, der sich über Jahrtausende hinweg bis in unsere Gegenwart zieht. Nicht umsonst feierte sich Saddam Hussein als neuen Nebukadnezar und errichtete in Babylon einen monströsen Palast.


Das antike Drama hätte für die Entstehung des Abendlandes um ein Haar erhebliche Konsequenzen nach sich gezogen. Bei der Kultur Israels handelt es sich um einen zentralen Pfeiler des Abendlandes. Ohne das Judentum wäre der spätere Aufstieg des Christentums schlicht undenkbar gewesen. Die Israeliten überlebten diesen Exodus ebenso, wie einige Generationen später das klassische Griechenland die Auseinandersetzung mit dem persischen Weltreich. Hätte die Geschichte anders entschieden, dieser Roman wäre wohl niemals entstanden.

Es sind die historischen Dimensionen, die mitunter dem Blick in die Vergangenheit beklemmende Aktualität verleihen. Die Geschichte der Menschheit ist im Grunde genommen eine Kette ununterbrochener Kriege, doch hier sprechen wir über einen schier endlosen Konflikt, der selbst unter dem Blickwinkel menschenverachtendster Machtpolitik seit Jahrtausenden vollkommen sinnlos bleibt. Im östlichen Mittelmeer sind sogar noch die Fronten mehr oder weniger identisch. 2600 Jahre Krieg, mal heiß - mal kalt. Keine Sieger, nur Opfer, Tod und Zerstörung.

Das Zweite Buch entfaltet sich vor dem Hintergrund dieses welthistorischen Dramas und personifiziert in seinen Charakteren über zwei Zeitebenen hinweg einen kleinen Teil jener epischen Konflikte.

Die Handlung des Romans und zahlreiche seiner Personen sind fiktiv, doch die welthistorischen Auseinandersetzungen und eine Vielzahl von Details sind es nicht. Das Zweite Buch ist ein Thriller zwischen den Zeiten und spannt den Bogen von den Tagen Hesekiels im frühen 6. Jh. v. Chr. bis zum Einmarsch der Amerikaner in den Irak im Jahre 2003.

Hesekiel war eine enorm politische Figur. Als er versuchte, mit seinen Visionen und Prophezeiungen seinen Landsleuten Zuversicht und Trost zu spenden, da erwogen nicht wenige der verschleppten Israeliten einen blutigen Aufstand gegen die babylonische Zwingherrschaft. Dieses militärisch sinnlose Unterfangen hätte fraglos zahllose Opfer gefordert. Hesekiel und andere Propheten rieten indes mit Erfolg zur Mäßigung, und man darf bezweifeln, dass ohne die Weitsicht und den Mut dieser Propheten das Volk Israel seine Identität und sein Selbstverständnis bewahrt hätte. Man kann nur hoffen, dass sich auch in unserer heutigen Zeit Menschen ähnlicher Überzeugungskraft und Integrität finden werden.
Wie machtvoll Worte und Visionen wirken, zeigt vor allem die Thronwagenvision Hesekiels. Die eindrucksvolle und zugleich umstrittene Schilderung von der Manifestation Gottes steht im Zentrum des Zweiten Buches. Seine Visionen trugen Hesekiel später mitunter den Beinamen ‚der wahnsinnige Prophet' ein, doch seine politischen Vorstellungen waren alles andere als fantastisch, er benützte seine plastischen Schilderungen von der Erscheinung des Göttlichen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.

Die Beschreibung des Thronwagens löste über Jahrtausende hinweg kontroverse Rekonstruktionen aus. Ja man darf mit Fug und Recht behaupten, dass die Thronwagenvision niemals lebhafter diskutiert wurde als in unserer Gegenwart, hat sich doch mittlerweile zu der theologischen und kulturhistorischen Diskussion ein Aspekt gesellt, der der klassischen Wissenschaft gänzlich fremd ist. Angesichts der merkwürdigen Erscheinung des fliegenden Gotteswagens machte in den letzten Jahrzehnten die Rekonstruktion des Nasa-Ingenieurs Josef Blumrich Furore, der die Schilderung des Propheten im Sinne eines außerirdischen Landefahrzeug interpretierte und die Thronwagenvision in den Bereich antiker Science Fiction rückte. Mit einem Mal hatte der wahnsinnige Prophet ganz unfreiwillig einen Beitrag zur Ufo-Diskussion geleistet.

Im Roman kreist die Handlung der Gegenwart um die ersten Tage des amerikanischen Einmarsches in den Irak, als am 25. März 2003 abnorme Sandstürme den Vormarsch der Hightecharmee zum Stillstand brachten. Eine Supermacht kapitulierte kurzfristig vor den Gewalten der Natur. Das Szenario der Vergangenheit spielt jedoch nicht nur mit den Visionen Hesekiels, es fußt auch auf den detailreichen Schilderungen des altgriechischen Historikers Herodot, des ‚Vaters der Geschichtsschreibung'. Der Grieche Herodot bereiste Babylon im 5. Jahrhundert v. Chr. und hinterließ in seinen Historien zahlreiche Nachrichten, von denen einige am Beginn europäischer Orientromantik stehen. Der legendäre Historiker skizziert uns ein Babylon, das gleich vier Weltwunder in seinen Mauern vereinte, doch er schildert auch Bizarres wie die Tempelprostitution oder den Heiratsmarkt, die beide an Frauenverachtung schwerlich zu überbieten sind.

In den Tagen Hesekiels war die Metropole jedoch vor allem ein sich selbst feierndes Monument imperiale Größe, ein Anspruch, der sich in Kriegen gegen seinen Nachbarn entlud, um die politische Potenz der Herrscher unter Beweis zu stellen. Zu den Ritualen vorderasiatischer Könige gehörten jedoch nicht nur Kriege, sondern auch die Löwenjagd, die in beinahe sakraler Weise die Fähigkeit des Herrschers demonstrierte, sein Reich und seine Untertanen vor inneren und äußeren Feinden zu bewahren. Auch hier spannt der Roman den Bogen zwischen Fiktion und Altertumswissenschaft. All dies war Teil jener Welt, in der sich die exilierte Oberschicht der Israeliten zurechtfinden musste. Trotz dieser babylonischen Gefangenschaft gelang es ihnen jedoch, ihre kulturellen Traditionen zäh zu verteidigen. Blickt man auf den heutigen Irak, dann mag man zu der beklemmenden Einsicht gelangen, dass sich die Geschichte zynischerweise unter veränderten Vorzeichen wiederholt, ohne dass sich in den letzten Jahrtausenden irgendein zivilisatorischer Lernprozess abgezeichnet hätte.