Hindukusch

Roman

"Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt…"
Verteidigungsminister a. D. Peter Struck


Personen:
Martha von Helm: Die junge deutsche Lehrerin sucht ihre Eltern und begegnet einem Dschinn.
Said ed-Din: Der afghanische Fürst verachtet den Westen und verbündet sich mit einer Deutschen.
Der Sturmbannführer: Der geheimnisvolle Unbekannte setzt auf den Kriegseintritt Afghanistans.
Adolf von Helm: Marthas Bruder flieht vor den Nazis nach Afghanistan und trifft am Hindukusch auf die SS.
Benazir: Die junge Afghanin verliebt sich in ihre Lehrerin.
Iskender: Marthas Kinderfantasie feiert ein unheimliches Comeback.





"Martha stand wie versteinert und lauschte in die Nacht hinein. Sie erkannte diese Aura, diese geisterhafte Gegenwart. Iskender war zurück, ihr Dschinn, der unsichtbare Begleiter ihrer Kindertage…"



Der Roman und wie alles begann

"Guten Tag, mein Herr." Ich erinnere mich noch gut an diesem Gruß in deutscher Sprache an einem staubigen Tag in Kabul. Als ich mich umdrehte, stand ich vor einem alten Mann in Landestracht mit mächtigem Bart und einen Dolch im Gürtel, der mich doch einigermaßen einschüchterte. Instinktiv suchte ich nach einem anderen Sprecher, konnte mich doch dieser würdevolle Afghane unmöglich in deutscher Sprache begrüßt haben, hier mitten im Hindukusch.
Doch der alte Herr sprach tatsächlich Deutsch. Und als er erkannte, dass er tatsächlich einen Deutschen vor sich hatte, lud er mich noch am gleichen Abend zu sich nachhause ein. In meinem Hotel mahnte man gerade noch rechtzeitig an, dass ich unbedingt irgendein kleines Geschenk mitbringen müsse, und half mir sogar bei der Auswahl des Mitbringsels. An diesem Abend in gastlicher Runde hörte ich dann zum ersten Mal von der Deutschen Schule in Kabul, ihrem Einfluss auf die afghanische Oberschicht vor dem Zweiten Weltkrieg und vor allem von einer wahrhaft erstaunlichen Verbundenheit meiner Gastgeber mit einem Deutschland, das sie nie gesehen hatten. Und ich erfuhr von einem Kapitel des Zweiten Weltkrieges, von dem ich keine Ahnung gehabt hatte.

Als ich Tage später zurückflog in meine eigene Welt, mit den Erinnerungen an diesen denkwürdigen Abend im Kopf, wurde sie geboren, Martha von Helm und ihre Geschichte am Hindukusch.

Die historische Perspektive

Am 30. und 31. Oktober 1941 verließen 180 Deutsche Afghanistan in Richtung Heimat, gleichsam die gesamte deutsche Kolonie, die damals in Afghanistan lebte. Mitten im Zweiten Weltkrieg wusste Großbritannien sehr wohl um die traditionelle Deutschfreundlichkeit der afghanischen Oberschicht, die zu großen Teilen die legendäre Amani durchlaufen hatte, die Deutsche Schule von Kabul, die lange Zeit als Kaderschmiede der afghanischen Elite galt. Unter Kriegsdrohung forderte Großbritannien damals die Auslieferung aller Deutschen. Doch Afghanistan widersetzte sich dem Ultimatum einer Großmacht, um das Wohl der deutschen Gastfreunde zu schützen, ein wohl einzigartige Akt der Freundschaft inmitten des barbarischsten Krieges, den die Menschheitsgeschichte bisher kannte. Die afghanische Seite erreichte durch schwierige Verhandlungen, dass die Deutschen das Land über den Kaiber-Paß nach Britisch Indien verlassen konnten und zwar ohne interniert zu werden. Auf diese Weise reisten sie beinahe um die halbe Welt in die Heimat, über Peshawar, Karachi in Britisch Indien und danach über Basra und Bagdad im Irak, um am 23. November Ankara zu erreichen sozusagen durch die feindlichen Linien hindurch, wie ein Chronist so zutreffend anmerkte. Einigen wurde sogar in Afghanistan politisches Asyl gewährt, auch dies sicherlich nicht im Sinne des britischen Ultimatums
In einer Zeit, in der die Welt nahezu global dem Wahnsinn des Krieges erlag, sprach man am Hindukusch von der Unverletzlichkeit des Gastrechts, der Ehre des Landes und den Gesetzen des Islam. Am Ende war man sogar bereit bereit, um solcher Werte willen in einen Krieg zu ziehen. Die Deutschen waren hochwillkommene Gäste, und solche Freunde schützt man, unter Umständen auch unter Einsatz des eigenen Lebens. Eine Geste beinahe epischen Charakters.

Der Roman Hindukusch spielt mit diesem historischen Hintergrund in den Tagen vor der erzwungenen Ausreise, er benützt dieses Drama als Bühne, doch ist die Handlung ungeachtet des historischen Rahmens gänzlich fiktional, und fiktiv sind auch alle handelnden Personen. Dies gilt vor allem auch für die Lehrer der deutschen Schule. Auch hier sind Ähnlichkeiten mit realen Personen nicht beabsichtigt.

Das Gastrecht ist im Orient heilig, auch wenn die Auswirkungen dieses Gesetzes der Welt und dem Westen nicht immer angenehm sein können. Als sich nach den Anschlägen des 11. September herauskristallisierte, dass die Drahtzieher am Hindukusch saßen, gleichsam als Gastfreunde der Talibanregierung, da manifestierte sich aufs neue diese kompromisslose Verbundenheit mit einem Verbündeten, selbst wenn dieser als Terrorist von den Vereinten Nationen und der ganzen Welt geächtet wird. Man konnte durchaus den Eindruck gewinnen, dass sich die Ereignisse von 1941 auf diesmal höchst beklemmende Weise wiederholten. Wieder bot Afghanistan an, seine Gäste allenfalls in ein neutrales Land zu überstellen und nahm sogar den Krieg mit einer Supermacht in Kauf, um sein Gastrecht und eine durchaus mittelalterliche Weltanschauung nicht zu verletzen, auch wenn diesmal die Moral sicherlich auf der anderen Seite zu finden war. Dass sich die Moderne mit einer solchen Haltung schwer tut, wen wird das wundern? Als Afghanistan danach aus der Talibanzeit erwachte und daran ging, auf neutralem Boden einen neuen nationalen Dialog zu eröffnen, da erinnerte man sich ganz zwangsläufig an die alten Freunde in Europa, an Deutschland, auch wenn diese Verbindungen bei weitem nicht mehr den Stellenwert der Vorkriegszeit besaßen. Und so versammelte man sich unter dem Banner der Bundesrepublik Deutschland auf der Petersberger Konferenz. Ein Freund hilft dem anderen, so wie es zu sein hat, selbst dann, wenn diese beiden Freunde kaum etwas teilen außer ihrer Freundschaft.

Diese Verbundenheit mit einem fremden Volk unterschiedlicher Religion ist im Orient durchaus erstaunlich. Zudem hat Afghanistan ein höchst gespaltenes Verhältnis zu Fremden und der Freiheitsdrang der Afghanen ist legendär über Jahrtausende hinweg. Briten, Russen und Amerikaner haben ihre Armeen an den Hindukusch entsandt, und alle scheinen und schienen sie ein Wort Alexanders des Großen zu ignorieren, der schon vor Epochen lapidar feststellte, man könne Afghanistan zwar durchziehen, aber nicht erobern. Und in der Tat, alle Fremden, die je afghanischen Boden betraten, haben diese Erfahrung gemacht oder werden sie noch machen. Fremde sind stets nur geduldet, gleichgültig, ob sie als Feinde oder Freunde auftreten. Die Ablehnung fremder Einmischung und die Werte des Islam scheinen manchmal das einzige zu sein, was die oftmals zerstrittenen Völker Afghanistans wirklich eint. Gerade in den rauen Höhen des Hindukusch überkam den Reisenden schon vor Jahrzehnten so manches Mal die beklemmende Ahnung, dass sich Ost und West wohl noch auf lange Zeit niemals wirklich begegnen werden, was jedoch Freundschaft und Respekt nicht verhindern sollte. Gerade uns Deutschen wird in vielen orientalischen Ländern auch heute noch eine außerordentliche Wertschätzung entgegengebracht, zumal wir in der Regel keine kolonial belastete Vergangenheit besitzen. Dies eröffnet uns Deutschen manchmal ganz unerwartete Möglichkeiten der Diplomatie, ein Privileg, das wir hoch schätzen und erhalten sollten. Und so beschreibt dieser Roman vor der Kulisse eines Weltkriegs vor allem die Geschichte einer deutsch-afghanischen Freundschaft, die sich nicht immer entscheiden kann zwischen distanzierter Ferne, zwischen Misstrauen und vertrauter Nähe - im Grunde ein Spiegelbild ost-westlicher Konflikte. Doch ungeachtet aller Gegensätze ist diese Freundschaft tief verwurzelt in den Seelen zweier Menschen und zweier Kulturen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.