"Sobald Thalestris Alexander erblickte, sprang sie vom Pferd, zwei Lanzen in der Hand…"
Curtius Rufus (römischer Autor aus den Tagen des Kaisers Augustus) in seiner Geschichte Alexanders des Großen, 6. Buch, 5, 26 – 27
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"Wie Dämonen der Steppe erschienen der Antike die Reitervölker Zentralasiens. Die Rekonstruktion eines Skythen oder Massageten auf seinem bizarr als Hirsch herausgeputzten Pferd basiert unter anderem auf den Funden von Pazyryk im Altai (Umsetzung Bernd P. Kammermeier)."
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Clash of Civilizations
Die historische Perspektive
Die Kunst der Steppenvölker konzentrierte sich im Gegensatz zur Kunst der klassischen Antike auf die Darstellung von Tieren und Tierdämonen. Unser Emblem zeigt einen sogenannten Löwengreifen beim Angriff auf einen Bock (Komposition basierend auf den Funden von Pazyryk im Altai, St. Petersburg, Eremitage).
Dies ist ein Buch über ein blutiges Kapitel des Ost-West-Konflikts,
über den Asienfeldzug Alexanders d. Gr. und über eine bizarre
Episode aus der Geschichte der Emanzipation, auch wenn diese
in den Tagen des großen Königs eigentlich noch gar nicht stattfand,
reichte man Frauen nur allzu häufig als Wesen minderen Rechts
herum. Und natürlich geschah all dies mit göttlicher Billigung.
Der Flug des Greifen führt uns in das Jahr 329 v. Chr. und zeichnet
einen Krieg aus der Sicht von Betroffenen, von Gequälten und von
der Weltgeschichte überrollten.
Der Kampf des Orients gegen das Abendland hat viele Gesichter
und tobte schon, als Begriffe wie Christentum oder Islam noch
gänzlich unbekannt waren. In der Zeit unseres Romans standen
sich das persische Großreich und Griechenland gegenüber,
ineinander verkrallt in einem zweihundertjährigen Krieg.
Beendet wurde dieses Duell von Alexander dem Großen, der mit
Homers Ilias unter dem Kopfkissen schlief und der sich selbst als
Wiedergeburt Achills begriff, dem großen Helden des Kampfes um
Troja.
Und so entspricht Alexanders Leben dem eines gewalttätigen, jungen
Mannes, so wie es Homer in der legendären Einleitungspassage zur
Ilias formulierte:
"Den Zorn des Peliden Achill besinge, oh Göttin…"
Von Griechenland stürmte der König bis nach Ägypten und schließlich bis an die Grenzen Indiens, doch in Zentralasien, im heutigen Afghanistan und in den nördlich anschließenden Staaten, wurde aus dem kühnen Schlachtenlenker ein Massenmörder, weil er den einheimischen Widerstand nur durch brutale Unterdrückung eindämmen konnte. Beendet hat diesen blutigen Kampf am Ende eine Heirat, als er mit Roxane seine Traumfrau traf und ganz langsam aus einem tiefen Tal voller Barbarei erwachte.
Das Weltreich Alexanders des Großen, erobert zwischen 334 und 323 v. Chr. Der Zug des Königs von Makedonien bis Ägypten und schließlich bis an die Grenzen Indiens wurde legendär. Im Jahre 328 v. Chr. erreichte er schließlich Zentralasien und gründete am Jaxartes seine Stadt Alexandria Eschate, das entfernteste
Alexandria.
Alexander wähnte damals in
den Jahren zwischen 334 und
323 v. Chr., er habe die Ost-
West-Auseinandersetzung für
immer beendet, doch dieser
Krieg scheint endlos und lodert
im östlichen Mittelmeer und
Vorderasien in heißer und kalter
Form bis heute, obwohl die Ex-
ponenten längst andere Namen
tragen, ein beredtes Beispiel für
die Erfolglosigkeit militärischer
Interventionen.
Alexander ist in Antike wie Moderne nicht zu Unrecht höchst
umstritten. Sein Abgleiten in
die Barbarei manifestierte sich
aus antiker Sicht vor allem in
der Zerstörung einer kleinen,
zentralasiatischen Stadt, die an-
geblich von den Nachfahren grie-
chischer Exilanten bewohnt wur-
de und deren Ahnen mit dem
Perserreich kollaboriert haben
sollten.
In unserem Roman heißt diese
Stadt Branchidai, es ist die Hei-
mat der jungen Didyme. Wie antike Autoren berichten, wurden ihre Einwohner ausgelöscht, obwohl der Perserkrieg doch angeblich die in Asien unter persischer Herrschaft schmachtenden Griechen rächen und befreien sollte.
Für einen jungen König, der mit sechzehn seine erste Schlacht gewann, und mit zweiunddreißig als Herr eines Weltreiches aufwachte, für den gab es nur noch wenige Ziele, und eines davon war die Suche nach dem Ende der Welt. Und nun stieß Alexander mitten in den Steppen Zentralasiens, am Jaxartes, dem heutigen Syr-Darja, unversehens auf Reitervölker, die die Antike als Skythen, Saken oder Massageten kannte. Bei ihnen fand er zwar nicht die Grenzen der Welt, doch stand er unversehens vor Amazonen, einem fleischgewordenen Mythos, der aus der Sicht der Antike in der Tat höchst grenzwertig war.
Aus der Kenntnis solcher Kulturen hatte bereits Homer das antizivilisatorische Zerrbild der Amazone geschaffen. Eine Frau, die gegen die Herrschaft der Männer rebelliert, keinerlei Ehen eingeht und Männer nur kurzzeitig zum Zweck der Fortpflanzung toleriert. Angeblich war den Amazonen die Männerwelt derart verhasst, dass sie sogar männliche Babys aussetzten oder töteten. Und so wurden die Amazonen zu einem gotteslästerlichen Exempel für ein verfehltes Gesellschaftsmodell.
Die Amazonen galten zudem als typische Vertreterinnen des Orients und so eilte in der Ilias ihre Königin Penthesilea ganz konsequent den Trojanern zu Hilfe, um sie gegen die griechischen Belagerer zu unterstützen. In einem legendären Kampf wurde sie damals von Achill getötet, ein Sinnbild des ewigen Duells zwischen Ost und West, ein Kampf, aus dem aus griechischer Sicht natürlich nur die Hellenen als Sieger hervorgehen konnten. Schließlich waren die Griechen vom Schicksal ausersehen, die Orientalen zu beherrschen. Zumindest war dies die Ansicht von Aristoteles, dem legendären Lehrer Alexanders, der dem König somit eine durchaus rassistische Weltanschauung mitgegeben hatte.
Der historische Rahmen unseres Romans und zahlreiche seiner Charaktere fußen auf antiken Schriftzeugnissen, angefangen von der Skythenschlacht Alexanders bis hin zu der Vernichtung von Branchidai. Nicht historisch ist die junge Erzählerin Didyme, die exemplarisch die hingeschlachtete Bevölkerung Branchidais vertritt.
Alexander selbst sah sich als eine Wiedergeburt Achills. Und so, wie der homerischer Achill einer Amazonenkönigin begegnet, mit ihr kämpft, sie tötet und sich in die Sterbende verliebt, so trifft auch Alexander angeblich seine Penthesilea in Gestalt der Massagetenfürstin Thalestris.
Allerdings lernte Alexander im Laufe seines Lebens, dass Krieg nicht immer die einzige Problemlösung darstellt, und so wandelte sich in seiner Person der homerische Amazonenkonflikt zu einer friedlichen Begegnung, tritt ihm die Königin doch nicht im Kampf entgegen, sondern mit dem Wunsch, von ihm ein Kind zu empfangen. Sie erscheint auch keineswegs als homerischer Barbarin, ist sie doch durchaus bereit, einen etwaigen Sohn zu ihm zurückzuschicken.
In diesem politischen Amazonenmythos gehen die Steppenvölker und das Epos Homers eine seltsame Synthese ein. Und so spiegelt sich in dieser Legende die Wandlung in der Mentalität eines brutalen Eroberers, der wohl nicht zuletzt aufgrund einiger Frauen am Ende doch noch zu einem zivilisierteren Verhalten findet.
Der Mythos von Thalestris steht nicht nur im Zentrum dieses Romans, er steht auch am Anfang einer allmählichen Veränderung eines brutalen Machtmenschen. Ihre Krönung fand dieser Wandel Jahre später in der politischen Vision eines Ausgleichs zwischen Ost und West, ein revolutionärer Gedanke, der jedoch den frühen Tod des Eroberers im Jahre 323 v. Chr. nicht überlebte. Man trug Alexanders größten Traum zu Grabe, so wie manch andere Vision von einer friedlicheren Welt.